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„Hefte – Graus – Klassenarbeit!“ (Folge 26)

„So…!“

Die plötzliche Lautäußerung zerreißt die Stille. Hektik breitet sich aus, die Füllfederhalter erhöhen ihre Schlagzahl, denn alle wissen, was dieser Ankündigung normalerweise folgt: „Die letzten Minuten laufen, bitte keine neue Aufgabe mehr anfangen! Und bitte kontrolliert, ob euer Name überall draufsteht!“ Im gleichen Maße, wie der Stapel wächst, sinkt die Laune der Lehrkraft, die genau weiß, dass sie jede einzelne dieser Seiten lesen und im günstigsten Fall mit ein paar Kommentaren versehen muss (wenn nicht gar mit einem Essay über den Sinn von Textbelegen in wissenschaftlichen Artikeln). Da kommt Franziska, lässt mit süffisantem Blick ein veritables BUCH auf den Klausurenstapel und danach demonstrativ ihren leeren Block in den Mülleimer fallen.

Zu Hause dann steht der Stapel erstmal nur herum, lässt sich aber schwer ignorieren, da er immer den Platz viel wichtigerer Dinge einnimmt und sofort die Aufmerksamkeit auf sich zieht, sobald man den Raum betritt. Irgendwann dann nimmt man dann schweren Herzens doch den Korrekturfüller in die Hand und widmet sich den Ergüssen des Kurses. Dabei ist die Psychologie ganz wichtig: Niemals eine ganz schwache oder ganz starke Arbeit zuerst korrigieren! Im ersteren Fall droht akuter Motivationsverlust, im letzteren Depression, da keine der weiteren Arbeiten mit der ersten mithalten kann.

Eine besondere Anforderung ist das Bändigen des eigenen Mienenspiels während des Korrekturvorgangs – jeder, der einmal im Lehrerzimmer einen Kollegen oder eine Kollegin dabei beobachtet hat, kann davon berichten, wie sich Verzweiflung, Erheiterung, Wut und Angst im Gesicht abwechseln. Wie die tausend Tode, die die Lehrkraft innerlich stirbt, sich in Schnappatmung, irrem Gekicher, Fausthieben auf den Tisch oder schlicht einer rechten Geraden mit dem Rotstift Bahn brechen. Aber auch kleine humorvolle Kunstwerke sind dabei manchmal zu bestaunen. Kleine Kostprobe: Mathetest im 5. Jahrgang. Gefragt war danach, wie die Zahl von rund (!) 5000 Gästen bei einer Feier zustandekommt, wenn 1742 Schülerinnen und Schüler sowie 2851 Ehemalige und sonstige Besucher teilnehmen. Die Schülerantwort: „Das kommt, wenn man die alle einlädt: Onkels und Tanten und Omas und Opas und Mamas und Papas...“ In diesem Zusammenhang meine Literaturempfehlung: „Tanne, Fichte, Oberkiefer“ von Lena Greiner und Carola Padtberg-Kruse.

Hin und wieder kommt es vor, dass mehrere Schülerinnen oder Schüler desselben Kurses den gleichen Fehler machen (manchmal sogar denselben, aber das ist ein anderes Thema). Während man dem Kandidaten nun diesen Fehler bei der ersten Arbeit noch geduldig auf dem Fünf-Zentimeter-Rand auseinandersetzt („Bitte achte zukünftig darauf, in Tests nicht mit Bleistift zu schreiben.“), weicht diese Geduld bei der zehnten Arbeit einem knappen „Bleistift!!!“ und bei der zwanzigsten einer Totenkopfzeichnung. Als könnte der arme Autor der zwanzigsten Arbeit etwas dafür, dass seine Arbeit nicht obenauf lag. Vorsicht geboten ist jedoch bei der Aufforderung, der Prüfling möge seine Antworten in vollständigen deutschen Sätzen verschriftlichen – ein einfaches „Ganze Sätze!!!“ ist hier möglicherweise fehl am Platz und kann zu weiteren Diskussionen führen.

Ist der Stapel dann abgearbeitet, alle Noten zur Zufriedenheit der Lehrkraft oder zumindest des Herrn Gauß, so stellt sich ein Glücksgefühl ein, das jedoch jäh getrübt wird bei der Rückgabe der Tests, verschwinden doch die meisten Arbeiten nach kurzer Begutachtung der letzten Seite und Seitenblicken nach links und rechts alsbald in der Schultasche. In fünf Minuten ist das Feuerwerk abgebrannt, das man vier Stunden lang vorbereitet hat. Niemand würdigt die nett gemeinten Korrekturen am Rand, alle gieren nur nach der Note. Nützt ja nichts. Nach dem Test ist vor dem Test, beim heiligen Sisyphus!

IGS-aurich.de
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