(KK) Ulrich Mittelstädt, damaliger Schulleiter der IGS Aurich-West, erinnert sich an die Brandnacht vor 25 Jahren vom 21. auf den 22. Mai 1994:

„Pfingstsonntag um 00.50 Uhr weckte mich mein Sohn mit dem Telefon in der Hand, die Schule brenne. Auf meine Frage, was los sei, antwortete jemand von der Feuerwehr, dass ein Brand ausgebrochen sei beim damaligen Kunst- und Musikbereich. Ich wusste, dass dort unsere Kopierer und Drucker standen. So schnell wie diesmal bin ich davor und auch später wohl niemals zur Schule gekommen. Als ich eintraf, war die Lage immer noch unübersichtlich. In der Tat schien die größte Rauchentwicklung aus der bezeichneten Stelle aus dem Dach zu steigen, doch auch an anderen Orten in der Nähe schien es zu rauchen.

Inzwischen waren auch viele andere zur Brandstelle gekommen, Lehrer, Schulleitung, aber auch schon Schüler und Eltern, die wohl noch gar nicht geschlafen und von dem Unglück gehört hatten. Und wie immer fehlte es nicht an Ratschlägen. Die Feuerwehr, die mittlerweile auch schon mit mehreren Zügen angerückt war, solle doch in das Gebäude gehen, um den Brand von innen zu bekämpfen. Wohlweislich hatte sie das aber nicht getan. Viel zu ungewiss war, was sie dort vorfinden würde, welche Risiken durch die plötzliche Sauerstoffzufuhr entstehen konnten. Also standen wir in einigem Abstand, fassungslos, aber auch noch ohne jede Vorstellung von dem Ausmaß des Brandes.

Plötzlich schlugen auch Flammen aus dem Dach nahe des Unterrichtstrakts des damaligen 7.-9. Jahrganges. Damit konzentrierten sich die Anstrengungen der Feuerwehr auf diesen Teil des Gebäudes, ohne dass sichtbar etwas erreicht werden konnte. Immer mehr Flammen schlugen empor. Langsam wurde klar, dass die Konstruktion der Schule mit den abgehängten Decken in allen Räumen wie ein Kaminsystem wirkte, das Rauchgase überallhin in alle Gebäudeteile transportierte. Schlagartig wurde damit klar, dass auch bisher nicht bedroht er-scheinende Gebäudeteile wie der NW-Bereich ebenfalls gefährdet waren. Gerd Hartwig, der Fachbereichsleiter NW, erkannte sofort die Hauptgefahr. Dort lagerten Gasflaschen, die, wenn der Brand sie erreichte, zu unkontrollierbaren Geschossen werden konnten. Sofort zeigte er dem Einsatzleiter, worin die Gefahr bestand. Die Feuerwehr beschloss also, das „Kaminsystem“ am Übergang zwischen Mensa, NW-Bereich und Oberstufentrakt zu kappen. Unverzüglich wurde der Gang zerstört, ein Eindringen des Feuers in den NW-Bereich war damit zunächst nicht mehr möglich.

Gleichzeitig bestand eine andere Gefahr. Die Abiturarbeiten dieses Jahres waren geschrieben und korrigiert. Sie lagerten zum größten Teil im Oberstufentrakt, im dortigen Sekretariat. Kam das Feuer in diesen Bereich, waren sie verloren mit zunächst kaum vorstellbaren Konsequenzen. Volker Reichardt und ich versuchten uns Zutritt in den vom Feuer noch nicht betroffenen Trakt zu verschaffen. Nachdem wir die Tür zum Oberstufenbereich geöffnet hatten, erkannten wir die Sinnlosigkeit unseres Vorhabens. Dichte Rauchschwaden machten ein weiteres Vordringen unmöglich. Zwar war kein Feuer im Oberstufentrakt, doch durch das Kaminsystem war der Rauch auch in diesen Bereich gedrungen und hatte sich dann schließlich durch die Fenster des Oberstufenbereichs den Weg ins Freie gesucht. Noch Monate später waren an der Südwestfassade des Oberstufentrakts an den Fenstern dunkle Flecken zu erkennen, dort wo der Rauch nach außen gedrungen war. In diesem Fall hatten wir aber Glück. Durch das Trennen der Verbindung zum NW-Bereich war auch ein Überspringen des Feuers in die Oberstufe verhindert. Die Abiturarbeiten konnten zwar nicht geborgen werden, waren aber auch nicht mehr in Gefahr. Mit einer Ausnahme. Ein Teil der Arbeiten lagerte auch im Metallschrank neben meinem Schulleiterraum (einen Tresor hatten wir damals noch nicht). Das waren die, die ich noch nicht überprüft oder die ich nach der Überprüfung am Freitag nicht mehr in die Oberstufe geschafft hatte. Zum Verwaltungstrakt war längst kein Durchkommen mehr, die Flammen schlugen hoch aus dem Gebäude. Wie feuerfest war dieser Schrank, das war die große Frage, die aber im Augenblick ungelöst bleiben musste.

Der Blick vom Oberstufengebäude

Es fing langsam an zu dämmern. In den Augen, in den Gesten der Feuerwehrleute war Erschöpfung zu sehen. Sie hatten den Brand nicht eingrenzen können, das war sicher frustrierend. Außerdem waren sie als Mitglieder freiwilliger Wehren selbst erst in dieser Nacht alarmiert worden, hatten zu Teil Pfingstfeierlichkeiten Hals über Kopf verlassen müssen. Sie haben wirklich auch aus der Sicht von heute, nach fünfundzwanzig Jahren, Gewaltiges geleistet. Das habe ich ihnen noch in dieser Nacht gesagt. Ich will es gerne heute noch einmal wiederholen.

Das Feuer war langsam unter Kontrolle. Es zeigte sich: außer dem Trakt des 5. u. 6. Jahrgangs, außer dem NW-Bereich und außer der Oberstufe war so gut wie alles vom Feuer erfasst worden. Schule würde in den nächsten Wochen so nicht weitergehen können.

Mit meinen Schulleitungskolleginnen hatte ich natürlich in dieser Nacht engen Kontakt, ich glaube es waren auch alle anwesend. Wir alle waren aber außerstande, auch nur einen konstruktiven Gedanken für die Zukunft zu fassen. Erschöpft und deprimiert gingen wir mit anbrechendem Morgen erst einmal nach Hause, hatten uns aber für eine Schulleitungssitzung um 10.00 Uhr bei mir zu Hause verabredet.

Wie diese verlief, habe ich ausführlich in unserer Festschrift zum 25-jährigen Schuljubiläum geschildert. Jetzt begann der konstruktive Teil, die Fortführung der Schule wurde geplant und in den Wochen darauf mit einer einmaligen Unterstützung des Landkreises, vieler Auricher Schulen, der Kirche und der Tanzschule Löschen, die uns Räume zur Verfügung stellten, durchgeführt. Was die Reaktionen unserer Eltern, Schülerinnen und Kolleginnen betrifft, erfüllt mich noch heute mit großer Freude und Stolz auf eine Schule, die sich gerade in dieser schwierigen Lage besonders bewährt hat.

Und die Abiturarbeiten im Stahlschrank? Sie waren zwar verrußt, aber als Dokumente vollgültig.“

Das Interview mit Ulrich Mittelstädt führte Marita Krützkamp

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