Neulich war mal wieder so ein Moment, in dem ich feststellte, dass man auch als erwachsen gelesene Person seinen Spaß mit eigentlich für Kinder gedachten Spielen haben kann. Ich rede von dem Spiel „Stille Post-Extrem“ (sic!), bei dem das alte Flüstern und Weitersagen ins Bildliche übertragen wurde. Heißt in der Praxis: Spieler 1 zeichnet etwas, das Spieler 2 erraten muss und Spieler 3 dann wieder zeichnet, was dann von Spieler 4 wieder erraten muss usw. Mit herrlichen Ergebnissen. So wurde aus „Staubsauger“ über mehrere Stationen am Ende „Mutter“.
Das Spiel macht sich also ein einfaches Prinzip zwischenmenschlicher Kommunikation zunutze: Der eine spricht etwas aus, das der andere nur halb versteht. Und wenn der es dann wiederum weitertragen soll, verändert sich der Informationsgehalt mitunter heftig. In der Schule beobachtet man das zum Beispiel beim Gruppenpuzzle: Die in den Stammgruppen erarbeitete Erkenntnis soll in die Mischgruppen übertragen werden. Und wenn da die falschen Schwerpunkte gesetzt werden, kommt beim Thema Landwirtschaft als wichtigste Punchline am Ende heraus: Der Bauer steht mit den Hühnern auf.
Gedacht ist nicht gesagt, gesagt ist nicht gehört, gehört ist nicht verstanden. So sprach weise Konrad Lorenz. Vom einen zum anderen Gehirn sind es also mindestens vier Stationen, plus diverse kulturelle, soziale und emotionale Filter. Wenn man dieses Konzept einmal konsequent weiterdenkt, wird man zum Pauschalskeptiker, denn: Alles, was ich an Informationen aus der Vergangenheit erhalte (und das ist am Ende des Tages doch recht viel), hat dutzende, hunderte solcher Hirn-Hirn-Verbindungen durchlaufen.

So sprach Darth Vader niemals: „Luke, ich bin dein Vater!“, auch wenn er stets so zitiert wird. Inspektor Derrick brummte nie: „Harry, fahr schon mal den Wagen vor!“ und Peter Lustigs Bonmot „Klingt komisch, ist aber so!“ ist ebenfalls frei erfunden.
Soweit die Welt der Fiktion, aber wie steht es mit der Realität?
Ein ehemaliger Kollege wird im informellen Lehrerzimmergespräch folgendermaßen zitiert: „Das Beste an der Zeit ist, dass sie vergeht.“ Wirklich, hakt eine Kollegin nach, das hat er gesagt? Passt gar nicht zu ihm. Wahrscheinlich war es in Wirklichkeit „Kinder, wie die Zeit vergeht!“
Und hier reden wir über einen Zeitraum von vielleicht zwanzig Jahren. Was, wenn wir wesentlich weiter zurückgehen?
Albert Einsteins Ausspruch „Gott würfelt nicht“ war vielleicht nur ein genervtes Ausatmen beim Mensch-ärgere-dich-nicht: „Mein Gott, warum würfelst du nicht?!“
Martin Luthers „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ war in Wahrheit vielleicht nur ein „Kaum steh ich hier und singe, kommen sie von nah und fern“.
Und Sokrates‘ berühmt gewordenes Diktum „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ vielleicht nichts anderes als die Antwort auf die Frage, was echte Philosophie ausmacht: „Ich weiß das doch auch nicht.“
Ja, vielleicht sind unsere Lieblingsaphorismen nichts als das Produkt eines jahrhundertealten Stille-Post-Extrem-Extrem-Spiels. Was sich zwangsläufig auch auf die damit verbundenen Gedankengebäude auswirkt: Vielleicht war Platon einfach nur ein Anhänger der Hohlwelttheorie. Vielleicht hat Siddharta Gautama nur etwas zu lange in der Sonne gelegen, bevor er sich unter den Bodhi-Baum begab. Und vielleicht hatte Karl Marx einfach sehr oft sein Portemonnaie vergessen.
Und bei wem spätestens jetzt nicht die Verschwörungs-Alarmglocken klingeln, dem ist wohl nicht mehr zu helfen. Denn genau das passiert jeden Tag in den sozialen Medien: Umdeutung, Verharmlosung, Leugnung.
Ist nach soo langer Zeit ja auch nachvollziehbar. Wer soll das denn noch exakt wissen, wie es damals wirklich war?
Und da kommen wir ins Spiel. Als Spielverderber des Stille-Post-Spiels. Wir decken die erste Karte auf und sagen: „So war’s. Wurde aufgeschrieben von Leuten, die dabei waren. Die Sprache ist altertümlich und die Geschlechterstereotype mindestens fragwürdig, aber so wurde das damals gesehen. Find dich damit ab.“
Manche loben die totale Freiheit des Internets, wo prinzipiell alles Mögliche stehen darf. Meinungsfreiheit, yay! Einige gehen sogar so weit, dass sie Meinung als etwas definieren, was man aufschreiben kann. Damit wird die Freiheit grenzenlos.
Der größte Witz aber ist: Menschen, und zwar nicht nur Heranwachsende, fühlen sich wohl mit Grenzen, auch wenn es niemand zugeben würde. Da möchte ich behaupten: Die gute alte Schule, die ein paar Grenzpfähle einrammt und ein paar Zäune zieht, um den Bullshit auszusperren, wird wohl noch ein Weilchen gebraucht. Weitersagen.

