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„Was ist das Schwierigste, das ich meinen Schüler*innen beibringe?“ Diese Frage beantwortet mal bitte jeder für sich im Stillen. Nein, ihr dürft noch nicht miteinander reden, wir sind noch beim „Think“, nicht beim „Pair“. Fertig? Was haben wir denn? Kants kategorischen Imperativ mit eigenen Worten ausdrücken? Dürrenmatts Besuch der alten Dame interpretieren? Vergils Hexameter skandieren? Produkte von Funktionen integrieren?

Alles Quatsch. Es sei denn, jemand betrachtet die genannten Kompetenzen als den Kern dessen, was Schulbildung ausmacht. Ich gebe zu, von der Metaebene hier oben betrachtet sieht das alles ganz putzig aus und ich glaube, es kann sich jeder, der eine jener Fähigkeiten einigermaßen nachhaltig an den Mann bzw. die Frau gebracht hat, glücklich schätzen und stolz darauf blicken. Aber es gibt ja noch die geheime Agenda (Achtung Schüler*innen: Spoiler-Alarm! Bitte Augen zuhalten!), die da lautet: Ein(e) Schüler*in soll so weit auf das Leben da draußen vorbereitet werden, dass er/sie es allein und ohne größere Schwierigkeiten meistern kann. Ja, wir sind mitten im Schützengraben zwischen den Fächer-Puristen, die pädagogischen Leuchttürmen gleich das Evangelium ihres Fachs aller Schülerwelt verkünden, und den alternativen Pädagogen, die an einem ganzheitlichen Lernerfolg, intrinsischer Motivation und Selbstwirksamkeit interessiert sind. Auch wenn ich hier keiner Seite den Vorzug geben will, komme ich zwischen all den Tests, Klausuren, Lernzielkontrollen, Mappenüberprüfungen, Vokabelabfragen und Ausarbeitungen manchmal ins Grübeln, vorzugsweise in den Stunden, wenn ich Zeit dazu habe: Übungsstunden im 9. Jahrgang. Ein Selbstläufer mittlerweile, die Abläufe sind eingeschliffen, man wechselt selbständig aus der Einzel- in die Partnerarbeit, es werden Köpfe zusammengesteckt (jaja, vor Corona war das noch so…) und Ergebnisse besprochen. Der Lehrer ist zum Statisten degradiert und meldet sich doch einmal jemand, will er schon freudig erregt aufspringen, um eine inhaltliche Hilfestellung zu geben, nur um dann zu erfahren, dass es dem Schüler nur darum ging, einen Laptop zu bekommen. Und dann sitzt er da, der Lehrer, beobachtet das rege Treiben der Übenden und fragt sich: Üben sie wirklich? Haben sie den vollen Überblick über ihren Lernfortschritt, geeignete Lernmaßnahmen geplant und führen diese gerade aus? Dann wäre doch wohl einiges geschafft, Dürrenmatt hin, Vergil her. Doch das Bild kann täuschen, denn Schülerinnen und Schüler haben über die Jahrzehnte hinweg zahlreiche Strategien entwickelt, um Arbeit, Lernerfolg und innerliche Beteiligung zu simulieren, ohne tatsächlich etwas bewirkt zu haben.

Da gibt es zum Beispiel die Künstler, bei denen stets „function follows form“ gilt und nicht etwa umgekehrt. Beim Erstellen eines handelsüblichen Präsentationsplakats entfällt etwa die Hälfte der Zeit auf das Malen (ja, das ist der einzig sinnvolle Begriff!) der Überschrift. Da werden Mappen aufgehübscht und jedes Blatt bekommt eine dieser neumodischen Überschriften, die mittlerweile fast jedes Mädchen beherrscht (Überschrift mit Textmarker groß im Hintergrund, davor in Handwriting-Optik mit Fineliner noch einmal kleiner, ich zeige es euch bei Gelegenheit mal). Überhaupt wird oft abgewunken, wenn die Übungsstundenlehrkraft mit so profanen Fächern wie Englisch oder Deutsch ankommt – das Kunstbild muss schließlich noch vollendet werden und das duldet keinen Aufschub! Nichts für ungut, liebe Künstler*innen – euer Fach verleitet nur leider so leicht dazu, sich im Detail zu verlieren und schwupps, ist die Übungsstunde wieder rum.


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Dann haben wir noch die Gesprächskreise: Zu viert gruppiert man sich um einen Tisch und legt als Alibi ein aufgeschlagenes Buch und ein Heft darauf, vielleicht nimmt einer der Tratschenden noch einen Stift in die Hand, um bei Bedarf, d.h. beim strafenden Blick des Lehrkörpers, etwas zu notieren. Der wahre Zweck dieser Gruppen ist jedoch nicht der fachliche, sondern der private Austausch.

Immer wieder trifft man sogar noch auf Totalverweigerer, die sich „einfach zu Hause besser konzentrieren können“. Das gute alte „wer die Aufgabe jetzt schon fertig hat, hat keine Hausaufgaben mehr“ zieht kaum noch. Sehe ich daher im Gewusel des Ameisenhaufens Schüler*innnen, die das Heft zuschlagen und die erledigten Aufgaben im Planer abhaken, entlockt mir das immer noch eher ein Lächeln als hundert skandierte Hexameter. Denn das ist es, das Schwierigste, was man ihnen beibringen kann.

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