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Eigentlich mach ich sowas nicht. Gute Vorsätze zum neuen Jahr und so. Aber diesmal bin ich schwach geworden. Mein Sohn hat mir vorgeschlagen, dass wir gemeinsam eine Fremdsprache per App lernen. Und diese App hat mich dermaßen in Beschlag genommen, dass mich interessiert hat, wie sie das schafft. Bei der Recherche bin ich dann auf das nächste Rabbithole gestoßen. Ich sage nur: Dark patterns.

Dark patterns werden vor allem in der Handyzocker-Szene angewandt, um einen Spieler dauerhaft an ein Spiel zu binden. Früher wussten wir, wenn Muttern „ESSEN!“ ruft, war es Zeit, die Konsole auszuschalten. Heute wird mit allen Tricks dafür gesorgt, dass du deine Ravioli auf dem Sofa mümmelst. Und dabei nicht weißt, was du da gerade isst, weil du so sehr im Tunnel bist.

Und wenn die Sprach-App diese Mechanismen nutzt, um Leute an eine Fremdsprache zu ketten – wäre es dann nicht auch möglich, sie in der Schule anzuwenden? Muhahahaha! Ahem. Mal sehen.

Handygames verwenden verwirrende Kosten in virtueller Währung zu ungünstigen Wechselkursen. Nun kostet der Schulbesuch zwar erstmal nichts, aber was spricht gegen Pay-to-win? Du hast keinen Bock auf diese Aufgabe? Zahl 50 Kants* und überspringe sie! Ach ja, 67 Kants kosten 18,50 €. Bar oder mit Karte?

Überhaupt sollte mehr mit unterschiedlichen Token-Systemen gearbeitet werden: Für 13 Coins, das sind umgerechnet 5 Amulette, bekommst du zwei Minuten Handyzeit oder darfst fünf Minuten schlafen. Birgt allerdings die Gefahr eines Schwarzmarkts: „Das macht dann zwölf Amulette, Leon! Was guckst du? Der Kant ist stark gefallen, die Märkte verhalten sich gerade sehr abwartend, da kann ich auch nichts machen!“

Dann wird gerne mit künstlichem Zeitdruck gearbeitet. Rot blinkende Countdowns, hektische Synthie-Sounds, das ganze Programm, Hauptsache Stress: „Die Aufgabe könnt ihr nur noch heute lösen!!“ Tja, und wenn nicht? Gar kein Problem – schlechtes Kurzzeitgedächtnis macht’s möglich – dann startet der Countdown nächste Stunde nochmal neu!

Gezielter Einsatz von Werbung? Ich behaupte, das wird heute schon gemacht. Was die Games-Programmierer mit der ewig frierenden Mutter mit Baby in der Bauruine machen, können wir schon lange: Hey, Schüler, du kannst zeit- und energieraubend weiter an dieser Aufgabe arbeiten – oder du überspringst sie und hörst dir dafür die Meinung deines Lehrers zum Nahostkonflikt an! Dauert nur zehn Minuten.

Das Modell kann aber noch wesentlich ausgebaut werden: Rechne aus, wie lange du dein iPhone 17 abzahlst! Sascha will 52 Stunden wach bleiben und hat 35 Dosen Monster Energy zu Verfügung. Dieser Vokabeltest wird dir präsentiert von Amazon – der Amazonas!

Sehr effektiv sind unregelmäßige und unfaire Belohnungssysteme: Wer die Aufgabe als erster löst, hat den Rest der Stunde frei! Oder: Hey, Emily, dein Name beginnt mit E! Hier hast du einen Nachhilfegutschein! Ein beherzter Griff ins Bonbonglas und Rundumwurf ins Publikum wie am Rosenmontag kann auch Wunder wirken.

Will jemand raus aus dem Programm, sollte man ihm dies so weit wie möglich erschweren. Da bin ich auch in der Schule d’accord. Was, du willst die Bearbeitung abbrechen? Wirklich? Wirklich wirklich? Wirklich wirklich wirklich? Kann man theoretisch unbegrenzt spielen.

Für die abgehärteten Individuen bietet sich der Einsatz von Schuldgefühlen an. Maximal wirksam. Wenn ich die individuellen Lernfortschritte mit Punkten messe und ein Tagesziel für die gesamte Lerngruppe ausgebe – wer will da noch hintanstehen? Wirklich schade, Max, dass du dein Team so hängen lässt. Es hätten nur noch sieben Punkte bis zum Gummibärchenregen gefehlt…

Und wenn gar nichts mehr geht, wird die Endstufe gezündet – das traurige Klassenmaskottchen: „Kinder, ihr müsst Effchen helfen – es kann nur leben, wenn ihr lernt. Ich fürchte, sonst überlebt es den Tag nicht…!“

Wenn wir damit unser Bildungssystem nicht retten, weiß ich auch nicht.

So, zufrieden, grüne Eule, bekomme ich jetzt meine hundert Gems?

 

*Erscheint mir mehr als angemessen. Nach Philosophen wird zu wenig benannt. Allerdings könnte es Probleme im englischen Sprachraum geben.