Die Schulglocke schrillt, die Türen des Haupteingangs der Elementary School fliegen auf und Ströme kreischender Schülerinnen und Schüler ergießen sich auf den Vorplatz, denn es sind Sommerferien. Auf einmal bahnt sich ein Lehrer den Weg durch die Masse nach draußen, gestikuliert heftig und ruft: „Stopp! Ihr wisst doch noch nicht, wie der Zweite Weltkrieg ausgegangen ist!“ Sofortiges Innehalten und Stille bei allen Kindern. Dann das erlösende „Wir haben gewonnen!“ Der Jubel brandet erneut auf, noch frenetischer als zuvor. USA! USA!
So haben sich die Macher der „Simpsons“ dem Thema „Zeitmanagement im Unterricht“ genähert. Früher habe ich über die Szene gelacht, heute empfinde ich eine gewisse Empathie für den Kollegen. Der Gedanke, dass am Ende einer Unterrichtsstunde kein befriedigendes Fazit an der Tafel und in allen Heften stehen könnte, verursacht mir Unbehagen. So als würde beim Fernsehen zehn Minuten vor Ende des Films der Strom ausfallen. Dabei ist das passgenaue Ende mit q.e.d. alles andere als realitätsnah. Wenn bei VW Schichtende ist, hält das Band an. Glaube ich. Vielleicht läuft es auch weiter und die Spätschicht muss zum Abklatschen heransprinten. Oder anders: Im Büro lässt die Verwaltungsfachangestellte zu gegebener Zeit den berühmten Stift fallen. Da liegen sicher noch ein paar unbearbeitete Akten auf dem Schreibtisch.
Was aber hat zu dieser Zeitdiktatur geführt, der wir alle bis vor wenigen Jahren noch unterworfen waren?

Der allmächtige Gong respektive die allmächtige Schulklingel.
Die Älteren erinnern sich: Bis vor einigen Jahren läutete der klassische Vierklang jede Pause und dann noch in zweifacher Ausfertigung den wieder beginnenden Unterricht ein. Fachleute sprachen dabei vom „guten“ Gong drei Minuten vor Ende der Pause, bei dessen Ertönen man guten Gewissens nochmal zur Kaffeemaschine gehen konnte, und dem „bösen“ Gong, den man eigentlich nur im Klassenraum hören sollte, weil man dann schon vor der Lerngruppe steht. Tagein, tagaus, klassische Konditionierung, nur ohne Speichelfluss: Kaum erklingt die hoffnungsvoll beginnende, dann im vierten Ton aber misstönend endende Melodie, beschleunigt sich der Pulsschlag, das Gehirn schaltet vom Entspannungs- wieder in den Alarmmodus und die Muskeln aktivieren die Energiereserven zum Hochwuchten aus dem Polsterstuhl. Dabei ist es gerade dieser vierte Ton, der, wenn mich mein Gehör nicht täuscht, eigentlich eine Überlagerung mehrerer Töne ist und dessen Disharmonie das Ganze so deprimierend macht. Ein akustisches „Es nützt doch alles nichts, du musst wieder ran!“, wenn nicht gar „Es wird niemals enden, Sisyphus!“
Bis zu dem Tag, als die alte Turnhalle abgerissen wurde und man dann feststellte, dass wohl von dort aus (warum auch immer) der Schulgong gesteuert wurde. Beziehungsweise worden war. So will es zumindest die Legende.
Auf einmal war Ruhe. Die Kakophonie war Geschichte und man spürte grenzenlose Freiheit, diesseits und jenseits des Lehrerpults: Hier die Lehrkraft, endlich ermächtigt, selbst die Stunde zu beenden, anstatt sich vom elenden Geläut bevormunden zu lassen. Mitten im Zellteilungsprozess noch vor Erreichen der Telophase abbrechen? Die zwei Minuten mehr gönnen wir uns! Kein vorzeitiges, fluchtartiges Verlassen des Raums, keine kognitiven Rohrkrepierer. Herrlich!
Dort die Schülerschaft, von denen sich nur noch einige dunkel erinnern, was eine Armbanduhr ist und die sich ihrerseits zwei Minuten mehr Pause genehmigen. Es waren verrückte Zeiten.
Irgendwann aber regte sich Unmut, denn wenn man nach jeder Pause eine Gleitzeitphase von zehn Minuten einplanen muss, bevor sinnvoller Unterricht beginnen kann, ist das zuviel Freiheit.
Vorhang also auf für die Rückkehr des Gongs! Diesmal aber mit Köpfchen: Nur der „gute“ Gong ist zurück.
Aber auch der sorgt dafür, dass sich Lehrerzimmer schon frühzeitig leeren (was für ein Wortspiel!). Anstatt sich grob daran zu orientieren, wann die träge Masse sich in Bewegung setzt, wird jetzt wieder in die Hände gespuckt und noch vor offiziellem Stundenbeginn der Klassenraum aufgesucht.
Ich muss Schluss machen, es gongt gerade.

