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Du hast keine Chance – aber nutze sie!

- Herbert Achternbusch

 

Rügen ist eine der schönsten Inseln, die bisher sehen durfte. Besonders beeindruckt haben mich dort die Bäume. Verwurzelt in einem kalkhaltigen, schnell austrocknenden und noch dazu steil abfallenden Boden, gepeitscht vom ständigen Seewind und den widrigen Elementen der Ostsee ausgesetzt, krallen sie sich gewissermaßen verzweifelt ans Leben und recken sich dennoch stolz in die Höhe, als wollten sie der Natur entgegenrufen: „Das ist alles, was du drauf hast?“

Eine sauber und gerade gewachsene Tanne in einer Baumschule hat alles, was sie braucht: Ständige Pflege und Bewässerung, Schutz vor Wildverbiss – ein Rundum-Sorglos-Paket. Schön anzuschauen für eine Weile. Aber langweilig. Einer von vielen, auf dessen Auswahl man zwar viel Zeit verwendet hat, der bei näherer Betrachtung aber generisch und austauschbar bleibt.

Bild Mr. HO 176kl

Es gibt auch Menschen, die sind Rügener Bäume. Charlie Chaplin. Frida Kahlo. Srinivasa Ramanujan. Malala Yousafzai. Abraham Lincoln. Und noch so viele mehr. Ein ganzer Wald Rügener Bäume. Geboren und aufwachsen in ärmlichen Verhältnissen, häufig mit viel zu vielen Geschwistern, um anständig ernährt, erzogen und gebildet zu werden, oder gestraft mit Eltern, die nicht einmal ihr eigenes Leben auf die Reihe bekamen. Manche von ihnen wurden verachtet oder verfolgt von der Gesellschaft oder dem Staat, in dem sie lebten.

Doch sie alle sind gewachsen, über sich hinaus sogar. Sie brauchten dickere Wurzeln, um Halt zu finden, mussten mit weniger Wasser auskommen, konnten nicht kerzengerade in die Höhe streben, sondern über Umwege. Sie alle haben Großes geleistet, in Wissenschaft, Kultur, Politik. Weil sie von Natur aus mit einer seltenen Mischung aus Willenskraft, Leidensbereitschaft und Neugier gesegnet sind. Häufig brachten sich diese Menschen ihr Handwerk, ihre Kunst, ihre Technik selbst bei, ohne dabei auf große Geldmittel, unterstützende Lehrpersonen oder sogar ein sicheres Zuhause zurückgreifen zu können. Sie mussten buchstäblich an ihren Traum glauben, weil er das Einzige war, was sie hatten. Reich sind sie damit häufig nicht geworden. Aber wir erinnern uns an sie als leuchtende Vorbilder.

Der Typus des Rügener Baums begegnet mir in der Schule leider nur selten. Aber wenn, dann bin ich tief beeindruckt: Von der Schülerin, die sich selbst eine App zum Trainieren von Vokabeln programmiert, um dann damit zu lernen. Von der syrischstämmigen Schülerin, die zu Hause mit arabischen Mathematikbüchern lernt und mühsam deutsche Begrifflichkeiten in ihrer eigenen Sprache wiederfinden muss. Von dem Schüler, der das im Unterricht gedrehte Video mit einem fantastischen Intro und Hintergrundmusik versieht.

Viele Schüler*innen, die ich erlebe und von denen mir berichtet wird, lassen eine solche Inspiration vermissen. Sie geben sich damit zufrieden, die Aufgaben abzuarbeiten, die man ihnen vorlegt, anstatt selbst zu Architekten ihres Lernprozesses zu werden. Manche, weil sie in ihrem Leben ganz andere Probleme meistern müssen als sich über Parabeln Gedanken zu machen. Manche aber auch, weil sie schon so gut situiert sind, dass sie gar keinen Anreiz haben, sich hochzuarbeiten.

Und dann frage ich mich: Ist diese Neigung zum Wissenwollen, Selbermachenwollen und Ackern, Ackern, Ackern charakterlich bedingt oder spiele ich als Lehrer in dem Prozess auch eine Rolle? Bin ich vielleicht oft ein zu eifriger Weihnachtsbaumbewässerer, der zu viele falsche Triebe zu früh abschnippelt und die hungrigen Rehe zu vorschnell verscheucht?

Ich selbst war kein inspirierter Schüler, kein Selbermacher und Freigeist. In dem Satz „Wer möchte, kann sich freiwillig noch mit Aufgabe fünf beschäftigen“, hatte mich der Lehrer schon bei dem Wort „freiwillig“ verloren. Eigentlich schon bei „möchte“. Das Einzige, was ich jemals über das normale Unterrichtspensum hinaus gemacht habe, war die Teilnahme an einer AG zum Thema kreatives Schreiben – geleitet von meinem damaligen Deutschlehrer. Hat sicher nicht sofort gezündet, aber hey, dreißig Jahre später sitze ich hier und schreibe Kolumnen! Vielleicht gibt es das also noch – und dann können auch aus braven Tannenbäumchen vielleicht ein paar Rügener Krüppelkiefern werden.