„Das kann nicht mein Ernst sein!“ (Folge 36)

„Jeder für sich, Gott für uns alle!“

„Und was hat Lieschen Müller davon noch im Portemonnaie?“

„Was ergibt Dreipacken minus Zweipacken…?“

Schon mal gehört? Das ist Lehrerhumor, meine Damen und Herren! Zum Klischee erstarrte, über Jahrzehnte gepflegte launige Bräsigkeit, abgerufen aus irgendeiner verstaubten Schublade im Langzeitspeicher des routinierten Paukergehirns, stets begleitet von einem jovialen Schmunzeln. Fips Asmussen würde sich im Grab umdrehen, wenn er schon gestorben wäre.

Warum macht jemand so etwas? Natürlich, einigen gibt der Erfolg Recht und Generationen von freundlich lächelnden Schülerinnen und Schülern können nicht irren, weshalb der erfahrene Lehrkörper auch im 35. Dienstjahr noch mit solchen Sprüchen auf Tournee geht. Andere interessiert die Reaktion der Schülerschaft gar nicht mehr – da gehören Kalauer wie „Das Gegenteil von teilnehmen ist malen“ schon genauso zum Standardrepertoire wie das tägliche „Guten Morgen“ – und werden dementsprechend mit derselben Beachtung gewürdigt.

Lehrer und Humor im Unterricht, das war schon immer schwierig, schließlich sind wir nicht zum Spaß hier, verdammte Axt! Wo kämen wir denn da hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin und… ihr kennt das ja.

Der innere Widerspruch zwischen „dem Ernst des Lebens“ und allen damit verbundenen spaßfeindlichen Konsequenzen einerseits und dem verzweifelten Begehren, den Kindern die eigene menschliche Seite zu zeigen andererseits hat aus Lehrerinnen und Lehrern früherer Dekaden die uns allen wohlbekannten humoristischen Rohrkrepierer gemacht. Wir, die wir das aktuelle pädagogische Betriebssystem aufgespielt bekommen haben (oder uns zumindest das empfohlene Update geholt haben), wissen es besser: Lernerfolg ist ohne Spaß fast undenkbar! Dennoch bleibt die Integration spaßiger Elemente in den Unterricht in mehrfacher Hinsicht eine Gratwanderung: So mancher wähnt seine gottgegebene Autorität im Unterricht durch zuviel Schülergelächter unterminiert, andere wollen sich durch allzu freizügigen Gebrauch humoristischer Stilmittel auch nicht bei den Zöglingen anbiedern. Außerdem ist das Publikum anspruchsvoll, aber auf seine eigene Weise ebenso gespalten wie der Lehrer, der ein Bonmot zum Besten gibt.

Dieser muss dann auch mit einer der folgenden Reaktionen rechnen:

a) Ignoranz („Wenn ich es nicht gehört habe, muss ich auch nicht darauf reagieren!“)

b) Unverständnis („Es muss wohl irgendwie witzig sein, aber hab keinen Plan, warum.“)

c) Fremdschämen („Oh mein Gott, er hat es tatsächlich schon wieder gesagt!“)

d) Lachen, aus Mitleid („Der Ärmste hat wirklich nur die drei Sprüche auf Lager…!“)

e) Lachen, ironisch („Der checkt echt nicht, wie peinlich er ist!“)

f) Lachen, gespielt („Komm schon, zeig Zähne, du brauchst diese Zwei in Englisch!“)

g) Lachen, aufrichtig („Cooler Typ!“)

Nur zu verständlich, dass so mancher Pädagoge und so manche Pädagogin angesichts dieses Minenfelds humoristische Einlagen im Unterricht komplett eingestellt hat und lieber als humorloser Stiesel gilt.

Ein beliebtes Spiel im Gespräch mit ehemaligen Schülern dieser Schule in meinem Alter ist die Abfrage von Lehrkräften, mit denen man selbst Erfahrungen gemacht hat: „Ist denn der XY noch da? Das war vielleicht ein…“ Woraufhin ich meistens nur verständnislos entgegnen kann: „Ja, der ist noch da und außerdem ein echt netter und kompetenter Kollege, den ich sehr schätze!“ Und das ist ausnahmsweise mal kein Spaß.